UTOPIA

 

Am 12. Juli führte der „KulturRaum München e. V.“ unter dem Motto „UTOPIA – Utopien einer Stadt. Die Münchner Kulturprozession“ sein diesjähriges „GästeSpiel“ durch. Das GästeSpiel ist eine Benefiz-Veranstaltungsreihe, deren Erlöse dem gemeinnützigen Zweck des Vereins zugutekommen, der darin besteht, Menschen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen, kostenlose Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen in München zu vermitteln. 9 „Utopisten“ bekamen die Gelegenheit, ihre Vorstellungen und Überlegungen vorzutragen. Mein Redebeitrag hatte den Titel „Evasion“:

 

Reinhard Ammer

EVASION
Drei Vorschläge zur Güte

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Jahre 1992 trat der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit der These an die Öffentlichkeit, dass nach der Auflösung des sozialistischen Ostblocks das Ende der Geschichte erreicht sei. Das war zu schön, um wahr gewesen zu sein. Wäre es nämlich wahr gewesen, hätten mit einem Schlag der endlose Kampf von Imperien, Staaten und Nationen um Übermacht und Vorherrschaft wie auch die maßlose Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur enden müssen. Wie wir alle wissen, ist es mit dieser Geschichte nicht zu Ende gegangen, weswegen ich hier und heute drei Vorschläge zur Güte präsentieren möchte:

Ich schlage erstens vor, alle Staaten dieser Welt samt ihrer Staatsvölker aufzulösen und vom Maschinengewehr bis zur Atombombe ein für allemal sämtliche Gewaltmittel zu zerstören. Der oberste Zweck auch des demokratischen Staates ist nicht das Wohlergehen aller Menschen dieser Erde, sondern die Erweiterung seiner politischen, ökonomischen und militärischen Potenz sprich Macht und die Wahrung der demokradiktatorischen Fähigkeit, eigene Interessen gegen die Interessen konkurrierender Staaten durchzusetzen. Der Wähler einer demokratischen Partei ist, wie Erich Mühsam trefflich bemerkt hat, lediglich ein Tröpfchen von dem Öl, das die große Staatsmaschinerie schmiert. Konflikte und Kriege sind in einer in Staaten aufgeteilten Welt konstitutiv. Militärische Gewaltapparate dienen im Frieden als Erpressungs- und im Krieg als Vernichtungsmittel. In Friedenszeiten werden von den Staaten der Welt die militärischen Mittel für gewaltsame Auseinandersetzungen geschaffen, in Friedenszeiten entstehen die Anlässe für Kriege. Der Frieden ist somit kein hohes Gut, sondern die Garantie für den nächsten Krieg.

Ich schlage zweitens vor, sich von der kapitalistischen Produktionsweise loszusagen und die Herrschaft des Geldes über das Begehren und die Bedürfnisse der Menschen aufzuheben. Immenser Reichtum und bittere Armut bilden die zwei Seiten einer Medaille. Armut ist in der kapitalistisch determinierten Welt kein Missstand, sondern ein dauerhafter und unauflöslicher Zustand, der durch keine noch so gut gemeinte karitative Initiative beseitigt werden kann! Der Zweck des Kapitals ist seine Vermehrung. Diesem Zweck werden Mensch, Tier und Natur unerbittlich unterworfen. Der Kapitalismus misst Menschen in Geld, er macht sie zur Ware mit einem Preisschild darauf. Ein Investment-Banker ist Millionen wert, eine Näherin in Bangladesh ein paar Cent. Für den Profit verändert, zerstört und deanimiert der Kapitalismus die Natur, er wird auch nicht vor der biologischen Beschaffenheit des Menschen Halt machen.

Ich schlage drittens vor, von jeglicher Religion, insbesondere von den monotheistischen Glaubenskonstrukten, Abstand zu nehmen. Unstillbarer Drang nach Omnipotenzialität und Allmachtswahn bilden den Urschleim, aus dem sich bis heute alle Spielarten der leiblichen, geistigen und seelischen Versklavung des Menschen speisen. Immer ist es die eine, die umumschränkte Macht, der sich der Mensch zu beugen und der er sich auszuliefern hat. Der eine allmächtige Staat, das eine allmächtige Geld, der eine allmächtige Gott! Eine bluttriefende, auf Eroberung und Unterwerfung erpichte Dreifaltigkeit, die als sich teils schlagendes teils vertragendes Dreierpack über Jahrtausende hinweg zu unnennbarem Leid und ungeheuren geistigen und seelischen Verwüstungen geführt hat.

Sehr geehrte Damen und Herren, dies sind meine drei Vorschläge zur Güte. Der Prozess der Aufhebung von Staat, Nation, Geld, Kapitalismus, Religion wird kein politischer sein! Politik in jeder Form, auch demokratische Politik, unterstellt ein schon vorhandenes oder erst zu schaffendes Machtgebilde mit Herrschern und Beherrschten. Die Urform der Demokratie in der athenischen Polis basierte auf Sklaverei und Unterdrückung der Frauen. Die Demokratie heute basiert auf Lohnsklaverei und weltweiter Ausbeutung von Mensch und Natur. Politik war der Geburtsfehler der 68er Bewegung. Links sein bedeutet drin sein im Herrschaftsmodus. Opposition, Empörung, Riots, Klassenkampf, Rebellion, Revolution, Sozialismus und Kommunismus führen lediglich zu neuen Formen des Befehlens und Gehorchens und zu neuem Leid. Nein und nochmals nein! Wenn die Katastrophe der Menschheitsgeschichte ein Ende haben soll, darf man nicht mit den gleichen invasiven Mitteln operieren, die diese Geschichte hervorgebracht hat!
Ich rufe stattdessen zum weltweiten Ausbruch aus dem triadischen Gespinst des Allmachtswahns auf! Überwinden wir in einer weltumspannenden Absetzbewegung, durch einen Akt der gedanklichen, emotionalen und lebenspraktischen EVASION jede Form der politisch, ökonomisch, religiös, soziokulturell, familiär oder sexuell bedingten Machtausübung und Unterdrückung! Ich rufe dazu auf, durch diesen Akt der Evasion die Geschichte der Menschheit zu beenden, damit wir jenseits aller Herr- und Knechtschaft das Leben auf diesem – noch – so wunderbaren Planeten Erde feiern und gestalten können!
Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert, die Revolutionäre wollten sie verändern, es kommt aber darauf an, sich von ihr und sie von sich abzuwenden.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

(Rede beim Gästespiel 2017 des KulturRaum München am 12. Juli 2017 im Hofbräuhaus zu München: UTOPIA – Utopien einer Stadt. Die Münchner Kulturprozession)

 

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